Entwurzelung in der Pflege: Wenn Menschlichkeit müde wird | Sichtweise von und mit Anette Pelzer
Shownotes
In dieser Folge von „Sicht Weise", von und mit Anette Pelzer, geht es um Entwurzelung in der Pflege.
Es geht um diesen stillen Prozess, der nicht mit großem Knall beginnt, sondern mit kaltem Kaffee, müden Schultern, zu wenig Zeit und dem Satz: „Ich mache nur noch das Nötigste."
Pflege ist Beziehung. Pflege ist Nähe. Pflege ist Verantwortung in Momenten, in denen Menschen nicht gern allein wären. Doch was passiert, wenn genau diese Arbeit immer stärker getaktet, dokumentiert, verdichtet und verwaltet wird?
Anette Pelzer spricht darüber, wie Pflegekräfte nach und nach den inneren Kontakt zu dem verlieren können, was sie einmal in diesen Beruf geführt hat. Nicht, weil sie gleichgültig werden. Sondern weil sie sich schützen müssen.
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Diese Folge stellt unbequeme Fragen:
Warum wird Überlastung so oft Belastbarkeit genannt? Warum wird Schuld dort abgeladen, wo eigentlich strukturelle Verantwortung gefragt wäre? Warum soll eine Pflegekraft immer noch härter werden, damit ein unmenschliches System weiterlaufen kann? Und was braucht es, damit Pflege wieder Wurzeln bekommt?
Es geht um Sprache, Schuld, Teams, Gesellschaft, Menschlichkeit und um die stille Wahrheit, dass Applaus keine Nachtschicht übernimmt.
Eine Folge für Pflegekräfte, Angehörige, Verantwortliche und alle Menschen, die verstanden haben: Pflege betrifft nicht die anderen. Pflege betrifft uns alle.
Transkript anzeigen
00:00:00: Willkommen bei Sichtweise von und mit Annette Pelzer.
00:00:05: Stell dir vor, es ist morgens!
00:00:09: Der Kaffee ist noch nicht richtig durchgelaufen das Brötchen liegt irgendwo zwischen Toaster- und Termindruck Und in der Presse steht wieder einer dieser Nachrichten Bei der Pflegekräfte kurz innehalten und denken ach guck mal wir bluten wieder wisch.
00:00:26: schön dass wir das aus der Zeitung erfahren.
00:00:31: Da wird berichtet, dass gespart werden muss.
00:00:34: Das neue Maßnahmen kommen, das Dokumentation angepasst werden müssen oder dass irgendeine Reform nun endlich alles besser machen soll.
00:00:44: und irgendwo sitzt eine Pflegekraft und nimmt einen Schluck kalten Kaffee und sagt trocken?
00:00:49: Na wunderbar!
00:00:51: Dann machen wir das jetzt also auch noch.
00:00:55: Die eine Seite spricht von Effizienz Qualitätssicherung und notwendigen Maßnahmen.
00:01:03: Die andere Seite steht mit einmal Handschuhen, Telefon am Ohr.
00:01:08: Drei klingelnden Zimmern und einem Medikamentenwagen im Flur und denkt ich hätte da auch noch eine kleine Maßnahme.
00:01:17: wie wäre es mit genug Menschen für die Arbeit an Menschen?
00:01:22: Aber gut das klingt vermutlich so einfach oder beziehungsweise zu einfach und passt deshalb nicht in ein Konzeptpapier mit Deckblatt.
00:01:34: Hier beginnt das Thema dieser Folge.
00:01:37: Es geht um Entwurzlung, es geht darum was passiert wenn ein Beruf der aus Beziehung Nähe, Würde und Verantwortung besteht immer stärker in Strukturen gedrückt wird die den Menschen aus dem Blick verlieren eine Wurzel gibt Halt sie versorgt und sie hält auch dann Wenn Windkauf kommt.
00:02:02: wer entwurzt ist steht vielleicht noch, aber er steht nicht mehr sicher.
00:02:10: Und eine Berufsgruppe die entwurzelt wird arbeitet vielleicht weiter, verliert aber nach und nach den inneren Kontakts zu dem was sie einmal getragen hat.
00:02:23: In der Pflege sieht das oft nicht dramatisch aus.
00:02:29: Entwurzelung kündet sich nicht laut an Sie kommt ganz leise!
00:02:34: Sie kommt als Müdigkeit die nicht mehr mit Schlafung weggeht.
00:02:41: Sie kommt als Gereiztheit, obwohl man eigentlich ein mitfühlender Mensch ist.
00:02:48: sie kommt als dieser Satz den viele kennen ich mache nur noch das nötigste und manchmal steckt darin nicht die Faulheit sondern reiner Selbstschutz.
00:03:05: Die meisten Menschen gehen ja nicht in die Pflege, weil sie Formulare lieben.
00:03:10: Ich habe noch nie ein Kind gehört das sagt wenn ich groß bin möchte ich Maßnahmenpläne schreiben und mich dabei von einem schlecht gelaunten Drucker emotional herausfordern lassen.
00:03:24: Menschen gehen in die pflege weil sie helfen wollen.
00:03:28: Pflege ist menschliche Gegenwart im Momenten in denen niemand gerne allein wäre.
00:03:36: Doch was passiert, wenn diese Gegenwart immer stärker verwaltet?
00:03:41: Getaktet und verdichtet wird.
00:03:45: Was passiert, Wenn eine Pflegekraft weiß, was ein Mensch bräuchte aber keine Zeit es zu geben?
00:03:53: Dann entsteht ein innerer Riss.
00:03:57: Man kann damit noch lange arbeiten Denn Pflegekräfte sind erstaunlich gut darin weiterzumachen.
00:04:05: Manchmal sind sie so gut darinnen dass es fast gefährlich wird.
00:04:11: Ein wichtiger Mechanismus ist Anpassung, man lernt was ausgesprochen werden darf und etwas besser nicht.
00:04:21: Man lernt das man mit zu viel Idealismus als naiv gilt und mit zuviel Klarheit als schwierig.
00:04:31: und irgendwann stellt man sich selbst leise wenn das unnormale normal wird verliert eine Berufsgruppe ihren inneren Kompass.
00:04:44: Keine Pause zu machen gilt dann als Einsatzbereitschaft.
00:04:49: Überlastung wird Belastbarkeit genannt und der Satz, so ist Pflege eben sorgt vor allem dafür dass Menschen länger schweigen.
00:05:03: Entwurzelung zeigt sich auch in der Sprache.
00:05:08: Dann heißt es nicht mehr Frau Meier die Angst hat sondern die Hüfte in Zimmer zwölf.
00:05:15: Dann wird aus einer Geschichte ein Vorgang und aus einem Menschen ein Problem, das geschieht nicht weil Pflegekräfte herzlos sind, sondern weil sie sich schützen müssen.
00:05:27: Doch wenn der Abstand zu groß wird bleibt die Arbeit aber der Sinn wird blasser!
00:05:35: Und dann gibt es Schuld.
00:05:38: Schuld in der Pflege – eine sehr fleißige Mitarbeiterin.
00:05:43: Sie kommt pünktlich, bleibt länger und macht nie Pause.
00:05:47: Schuld sagt, du hättest mehr tun müssen – die anderen schaffen es doch auch!
00:05:54: Wenn du jetzt nach Hause gehst, lässt du dein Team im Stich.
00:05:58: Das Perfide daran ist dass Schuld individuelle Verantwortung dort erzeugt wo eigentlich strukturelle Verantwortung gefragt wäre.
00:06:11: eine Pflegekraft trägt dann nicht nur ihre Arbeit sondern auch den Mangel und das schlechte gewissen Umdruf.
00:06:21: Entwurzelung bei sich selbst zu erkennen ist nicht leicht, Menschen in helfenden Berufen merken sofort wenn eine Patientin stiller wird oder eine Kollegin nicht gut aussieht.
00:06:33: aber wenn der eigene Körper seit Wochenalarm schlägt heißt es... Ach das geht schon wieder weg!
00:06:42: Der Körper hört das und denkt vermutlich die interessante Theorie.
00:06:47: Dann mache ich jetzt mal Schlaflosigkeit, Rückenschmerzen und Herzklopfen noch dazu.
00:06:53: Vielleicht wird die Botschaft dann verständlicher?
00:06:57: Der Kopf sagt schnell Ich muss eben!
00:07:01: der Körper sagt vielleicht Ich kann nicht mehr.
00:07:05: Und zwischen diesen beiden Sätzen liegt eine wichtige Wahrheit Auch Teams können entwurzeln.
00:07:14: Dann werden Fehler nicht genutzt um zu lernen sondern versteckt weil niemand der nächste Schuldige im Tagesprogramm sein möchte.
00:07:22: Dann fragen Menschen nicht mehr, was brauchen wir damit gute Pflege möglich ist?
00:07:27: sondern wer ist schuld dass es nicht läuft?
00:07:31: Diese Frage ist gefährlich, weil die Pflegekräfte gegeneinander stellt obwohl sie eigentlich auf das selbe Problem schauen müssten.
00:07:42: und damit sind wir bei der Gesellschaft.
00:07:46: Pflege zeigt, ob wir Menschen nur dann achten wenn sie leistungsfähig sind oder auch dann, wenn Sie Hilfe brauchen.
00:07:55: Eine Gesellschaft entwurzelt, wenn sie vergisst dass jeder Mensch einmal abhängig war und viele Menschen wieder abhängisch werden.
00:08:07: Wir kommen nicht als unabhängige Hochleistungswesen zur Welt!
00:08:12: Wir kommen hilflos klein und sehr laut.
00:08:15: später Behaupten wir dann gerne, wir hätten alles ganz allein geschafft.
00:08:22: Das ist menschlich!
00:08:23: Aber auch ein bisschen komisch.
00:08:26: und ja Applaus ist nett.
00:08:28: Aber Applaus übernimmt keine Nachtschicht.
00:08:32: Applaus füllt keinen Dienstplan.
00:08:36: Applaus kann wärmen aber er ersetzt keine Struktur.
00:08:42: Menschlichkeit braucht Zeit.
00:08:44: Zuhören braucht Zeit Sterben braucht Zeit.
00:08:49: Pflege braucht Zeit, doch Zeit ist in vielen Systemen zur knappesten Währung geworden.
00:08:56: Natürlich braucht es Strukturen und Regeln aber wenn Strukture den Menschen nicht mehr dienen sondern Menschen nur noch Strukturn bedienen dann läuft etwas schief.
00:09:09: Pflegekräfte lesen eine neue Vorgabe und fragen nicht mehr wie kann das helfen?
00:09:15: Sondern Wann sollen wir das, wenn auch noch machen?
00:09:20: Auf dem Papier sieht vieles ordentlich aus.
00:09:23: Im Dienstzimmer schaut die Realität dann auf dieses Papier sagfreundlich süß und macht anschließend doch wieder das was es eben gerade so geht.
00:09:37: Wieder Verwurzelung beginnt dort wo Wahrheit wieder ausgesprochen werden darf.
00:09:42: Es muss möglich sein zu sagen dass Pflege Zeit braucht und dass Menschen keine Maschinen sind.
00:09:49: Eine Pflegekraft muss nicht härter werden, damit ein unmenschliches System weiterlaufen kann!
00:09:56: Die Strukturen müssten menschlicher werden, Damit Pflegekräfte menschlich bleiben können.
00:10:02: Für die einzelnen Pflegekraft heißt das den Satz Ich kann nicht mehr Nicht als Schwäche zu behandeln Sondern als Information.
00:10:12: Und es heisst Den eigenen Körper nicht erst dann ernst zu nehmen wenn er einen auf dem Boden setzt.
00:10:20: Denn in der Pflege ist nie wirklich alles erledigt, irgendetwas liegt immer noch irgendwo und wartet geduldig auf morgen!
00:10:29: Für die Gesellschaft heißt Wiederverwurzelung, Pflege wieder in die Mitte zu holen.
00:10:35: Pflege gehört nicht an den Rand – sie ist keine bloße Kostenstelle sondern eine Grundlage unseres Zusammenlebens.
00:10:44: Pflege betrifft nicht die anderen.
00:10:46: Pflege betrifft uns alle.
00:10:48: Vielleicht nicht heute, vielleicht auch nicht morgen – aber irgendwann!
00:10:53: Und dann hoffen wir alle auf Menschen die noch fühlen, noch sehen und noch da sein können.
00:11:00: Genau deshalb müssen wir dafür sorgen dass diese Menschen nicht vorher ausbrennen.
00:11:07: Vielleicht beginnt Veränderung nicht mit einer großen Reform?
00:11:12: Vielleicht beginn sie mit einem ehrlichen Satz im Dienstzimmer.
00:11:16: Vielleicht beginnt sie mit einer Kollegin, die sagt ich sehe dich.
00:11:22: Und vielleicht braucht es auch ein bisschen Humor damit wir nicht bitter werden.
00:11:27: Humor ist manchmal eine kleine Überlebenskunst.
00:11:31: er erlaubt uns zu sagen ja es ist viel Ja der Kaffee ist kalt Der Dienstplan dünn und der Drucker hasst uns persönlich.
00:11:42: aber Wir sind noch da und solange wir noch da sind können wir auch noch etwas benennen, bewegen und bewahren.
00:11:51: Das war Sichtweise von und mit Annette Pelzer!
00:11:56: Wenn dich diese Folge berührt hat dann freue ich mich über ein Like und über deinen Kommentar.
00:12:02: Schreib wo du Entwurzelungen erlebst was dich hält und was dir Hoffnung gibt Denn manchmal ist ein Kommentar ein kleines Zeichen dafür dass jemand nicht mehr schweigt.
00:12:14: Pass gut auf dich auf Bleibt dir selbst verbunden und vergiss nicht.
00:12:19: Wer Wurzeln sucht, darf auch mal stehen bleiben.
00:12:23: Das gilt sogar in der Pflege Auch wenn im Hintergrund schon wieder irgendwo eine Klingel geht.
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